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Kischuni: Interview (2014)


ComiCs, Yps und Tazl

Yps-Zeichner Martin Tazl über den Beruf des Comiczeichners

kischuni im Gespräch mit Martin Tazl

Martin Tazl hat mit seiner Ernennung zum neuen Yps-Zeichner einen bundesweiten Mediensturm auf seine Person ausgelöst. Mit kischuni unterhielt er sich über seine künstlerischen Leidenschaften, Kindheits- erinnerungen und Simone Thomalla.

Herr Tazl, Sie sind der neue Yps-Comiczeichner. Wie fühlen Sie sich damit?

Damit fühle ich mich super. Das ist wirklich ein großer Spaß. Auch weil ich selbst schon immer Yps- Fan gewesen bin. Schon als Kind hat mich das Heft inspiriert. Und als der Wettbewerbaufruf gestartet ist, da habe ich mich natürlich sofort angesprochen gefühlt. Dass ich gewonnen habe, das lässt mich gut fühlen, ja.

Wie kam es eigentlich genau zu Ihrer Teilnahme? Und haben Sie sich im Vorfeld überhaupt Chan- cen ausgerechnet?

Ich hatte den Wettbewerbaufruf bei Facebook ge- lesen, in einer Zeichnergruppe. Chancen habe ich mir ausgerechnet, da sich keiner der online einge- stellten Wettbewerbsbeiträge, die ich gesehen habe, mit Yps beschäftigt hat. Die Zeichner haben ein- fach in ihre Schublade gegriffen und fertige Comics oder Cartoons eingeschickt. Für mich aber war klar, dass der Yps-Zeichner gesucht wird. Zudem war ich auch von der Idee überzeugt, die ich mir entwickelt hatte, der Grundidee, wie ich die Sache überhaupt anpacken wollte.

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Martin Tazl, 40

Comiczeichner, Designer, Sänger und Fotograf

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Weshalb haben Sie in Ihrer Yps-Story die Schau- spielerin Simone Thomalla eingebunden?

Für den Wettbewerbsbeitrag, den ich über vie- le Wochen extra dafür gezeichnet hatte, habe ich mich der bekannten Comicfigur Natascha bedient. Da das copyrighttechnisch ein Problem war, hat mich die Yps-Redaktion angerufen und gebeten, für den Abdruck ins Yps-Heft einen Austausch vor- zunehmen. Und dann stand ich natürlich da. Na- tascha ist eine kurzhaarige blonde Figur, und ich habe mir überlegt: Dann nehme ich halt eine lang- haarige Brünette. Jetzt wäre der Witz natürlich weg gewesen, wenn ich einfach nur eine unbekannte Brünette genommen hätte, sondern ich musste ein bekanntes Gegenstück zu Natascha nehmen. Und wer fällt da einem direkt ein, wenn man an eine langhaarige Brünette denkt?

Simone Thomalla?

Natürlich. Also habe ich sie direkt angerufen und gefragt: „Simone, hast du nicht Lust in meinem Yps-Comic zu sein?” Und sie hat gesagt: „Ja.”

Hat Sie das große Medieninteresse an Ihrem Co- mic überrascht? Wie sind Sie überhaupt damit umgegangen?

Ja, das hat mich schon überrascht. Dass darüber berichtet wurde, das war okay. Damit war schon irgendwo zu rechnen. Dass es allerdings einen so heftigen Run gibt und Bild, Gala, Bunte, Die Welt und Die Zeit einen so riesigen Alarm machen, das war für mich nicht zu erwarten gewesen. Ja, wie geht man damit um? Ganz normal. Man lebt weiter und versucht die Telefonanrufe abzuwimmeln, die sich ab dem Zeitpunkt auftürmen.

Was verbinden Sie persönlich mit Yps?

Yps war ein wichtiger Teil meiner Kindheit. Wie gesagt, es hat mich sehr inspiriert. Ich glaube, ich bin 1977 an das Thema drangekommen, weil ein Freund von mir irgendwann mit diesem Yps-Heft nach Hause kam. Die Spielzeuge im Heft und die Vielfalt der Comics haben mich total begeistert. Ab dem Tag habe ich es selbst gekauft und mir stän- dig von meinen Eltern schenken lassen. Yps hat viel Einfluss auf meine Kreativitätsentwicklung gehabt.

Wieso?

Yps zeichnete sich dadurch aus, dass es vor Ideen- vielfalt nur so sprudelte. Es war jede Woche ein an- deres Spielzeug drin und es war immer etwas zur Selbstbeschäftigung. Man musste etwas zusam- menbauen oder experimentieren oder man konnte

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draußen mit den Freunden damit spielen.

Was muss man außer Kreativität noch mitbrin- gen, um Comiczeichner zu werden?

In erster Linie die Liebe zu Comics. Zum Zweiten sicherlich die Fähigkeit, in Szenenabläufen zu den- ken. Man sollte auch Tendenzen und Interesse fürs Storyboarding haben, was wiederum in die Film- und Theaterarbeit greift. Es reicht nicht, einfach nur bunte Bilderchen zu malen. Das machen die Meisten und glauben, das seien Comics. Das sind keine Comics, das sind nur Zeichnungen. Comics sind Bildgeschichten. Viele machen den Fehler und fangen erst an zu zeichnen und überlegen sich dann, was sie eigentlich zeichnen wollen. Das macht keinen Sinn.

Wie fängt man denn an? Wie zeichnet man einen Comic?

Da sind wir genau bei dem Punkt. Die Geschichte muss da sein. Es braucht eine Geschichte, die einen roten Faden hat. Eine Geschichte, die irgendwo an- fängt oder den Leser zumindest einsammelt, be- geistert, neugierig macht, zumindest so neugierig, dass er sich auf den Verlauf der Geschichte einlässt. Dann braucht man natürlich noch das Zeichenta- lent und zumindest ein bisschen die Kenntnis da- rüber, wie die kulturelle Sehgewohnheit ist. Wenn man einen Zeichenstil hat, der z.B. zu sehr nach 50er-Jahre-Comics aussieht, dann wird man damit heute wahrscheinlich gar nicht durchkommen.

Wann haben Sie angefangen zu zeichnen?

Ich zeichne schon seit ich ein kleines Kind war. Mit vier, fünf Jahren habe ich angefangen. Damals

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„Yps war ein wichtiger Teil meiner Kindheit.

Die Spielzeuge im Heft

und die Vielfalt der Comics

haben mich total begeistert.

Es hat viel Ein uss auf

meine Kreativitätsentwicklung gehabt.“

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habe ich immer meine Lieblingscomics nachge- malt. Micky Maus, Asterix, Donald Duck und solche Geschichten. Ich habe einfach einen Zettel drüber- gelegt, durchgezeichnet und so gelernt, mit den Formen umzugehen. Irgendwann konnte ich die Sachen freier zeichnen.

Jetzt sind Sie neben Comiczeichner auch Musiker, Designer und fotograf. Passt das zusammen? Das passt super zusammen. Das passt besser zusam- men, als wenn ich auf der anderen Seite am Fließ- band arbeiten und abends noch Kohlen schippen oder Tickets abreißen würde. Das ist bei Kreativen oft so, dass sie in mehreren Bereichen arbeiten. Vor allem kann ich nicht anders. Das ist meine Natur. Ich singe gerne, zwischendurch fotografiere ich gerne. Ich habe schon immer gerne gezeichnet. Ich mache gerne Grafikdesign und seit Anfang der 90er mache ich Werbung. Ich muss die Dinge tun, die in mir drin sind.

Aber ist es überhaupt vorteilhaft, beru ich mehre- re Sachen zu unternehmen? Oder sollte man sich nicht eher in einem Bereich spezialisieren?

Viel wichtiger ist es zu fragen: Ist es sinnvoll, dass man sich im Leben damit beschäftigt, woran man Spaß hat, wo die eigene Leidenschaft liegt? Das ist das Sinnvollste, was man machen kann. Wenn man nicht in irgendeiner Form seine Interessen ausleben kann, dann ist die Wahrscheinlichkeit viel zu groß, dass man unglücklich sterben wird. Darauf habe ich keinen Bock. Dementsprechend habe ich mir schon

ziemlich früh gesagt: Ich muss auch beruflich irgend- was finden, das diese Dinge beinhaltet, die mich so stark prägen. Und da jene in mir so bestimmend sind, könnte ich z. B. keinen Job machen, der völlig artfremd ist. Das würde gar nicht gehen. Ich könn- te darin gar nicht gut sein. Ich kann nur wirklich gut in dem sein, was ich am liebsten mache, was ich am besten kann. Nur mit dem, woran man wirklich Spaß hat, kann man wirklich glänzen.

Was würden Sie jungen Menschen raten, die eben- falls gerne Comiczeichner werden wollen?

Man muss wissen, dass der Markt jetzt nicht über- sprudelt und die goldenen Zeiten eigentlich vorbei sind. Die Comics hatten in früheren Jahrzehnten eine ganz andere Bedeutung und dementsprechend auch eine ganz andere wirtschaftliche Kraft und Macht. Das ist heute nicht mehr so. Man kann seine Berufslaufbahn in diese Richtung hinbiegen, aller- dings ist das natürlich kein Ausbildungsberuf. Man sollte strategisch überlegen, wie man da rangehen möchte. Ich kann den Weg empfehlen, den ich auch gegangen bin: eine Ausbildung in einer Werbeagen- tur zu machen. Das war bei mir noch der Druckvor- lagenhersteller, heute heißt das Mediengestalter für Digtial- und Printmedien. Wenn man sich eine Agen- tur sucht, die noch handwerklich ausbildet, z. B. im zeichnerischen Bereich, und nicht alles nur über den Computer macht, dann wird man möglicherweise einen Ansatz finden, der einem weiterhilft, weil man dort viele technische Finessen lernt, die das Talent verfeinern.

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Und wie sehen die Verdienstmöglichkeiten für ei- nen Comiczeichner aus?

Ich würde sagen, wie in jedem anderen Beruf auch. Wenn du scheiße bist, wirst du auch schlecht ver- dienen. Wenn du Mittelmaß bist, wirst du über das Mittelmaß nie hinauskommen. Und wenn du sehr gut bist, dann stehen dir alle Möglichkeiten offen. Dann erweitert sich das Feld von ganz alleine, wenn man sich ein bisschen dahinter setzt. Man muss aber auch etwas dafür tun, d.h. man kommt nicht darum herum, Klinken zu putzen oder Eigenmarketing zu machen.

Sie erwähnten gerade, die goldenen Zeiten für Comiczeichner seien vorbei. Wie sehen die Chan- cen auf dem Arbeitsmarkt denn genau aus?

Das kann ich so nicht beurteilen. Ich bin natürlich im Bilde über die ganzen Comic-Verlage, die es gibt. Da sind die großen Platzhirsche wie z. B. der Ehapa Ver- lag in Berlin. Und dann gibt es ganz viele Indepen- dent-Labels wie im Musikbereich auch, die Sonder- serien machen oder Liebhaberstücke. Ob man damit was verdienen kann, das liegt auch an jedem selbst. Ob man viel Geld braucht oder nicht. Ob man sich gut verkauft oder nicht. Oder ob das Talent ausreicht, um damit mehr Geld zu verdienen, mehr Kunden zu bearbeiten, mehr Aufträge abzuwickeln. Natürlich ist das keine Boom-Branche. Aber wie in anderen Be- rufszweigen auch - wenn man eine gute Idee hat, die sich von anderen abhebt oder wenn man ein Quali- tätslevel liefern kann, das sich ebenfalls von anderen abhebt - sind die Chancen, besser wahrgenommen

zu werden oder Aufträge zu bekommen, mit Sicher- heit größer, als wenn man nur Mittelmaß ist.

Noch eine abschließende frage: Sie haben 2005 das erste Design von kischuni.de entwickelt. Was verbindet Sie persönlich mit kischuni?

Ja, das war eine witzige Sache. 2005 kam Selcuk Günes mit einer Idee zu mir und sagte, er sei da- bei, ein Internetportal zu entwickeln, das alle Wei- terbildungsmöglichkeiten, die angeboten werden, vereinen soll. Alles, was irgendwie mit Kindergar- ten, Schule und Uni zu tun hat. Daraus leitet sich auch der Name „kischuni” ab. Alle Möglichkeiten, die es irgendwo gibt und die sonst nur auf einzel- nen Portalen zu finden sind, sollten auf kischuni. de zusammengefasst werden. Das war damals eine mutige Idee. Mir hat die Idee sehr gut gefallen. Ich habe daran geglaubt und Selcuk dementspre- chend gerne unterstützt. Ich habe für ihn das erste Screendesign für die Webseite gemacht. Die erste kischuni.de ging vom Look her sozusagen auf mei- ne Kappe. Nach ein paar Jahren haben wir noch ein Redesign gemacht. Und jetzt ist kischuni mittlerwei- le mit einem Magazin auf dem Markt. Ist eine große Sache geworden und ich bin froh, dass ich an diese Idee geglaubt und dass ich ihn unterstützt habe. Das hat Spaß gemacht und ist wirklich eine tolle Sache.

Das komplette Interview als Video nden Sie auf

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