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(2000) WAZ


Ein Job mit Kunst und Technik

Die Lehrmittel sind veraltet, die Lehrer auch- wer in der Informationstechnik was werden will, muss es sich oft selbst beibringen. In Essen versucht ein Modell, neuen Anforderungen zu genügen: Künftige Mediengestalter für Digital- und Printmedien werden herkömmlich ausgebildet, 20 genießen Hightech auf dem neuesten Stand.

Für jeden Schüler steht die jüngste Apple-Generation auf dem Tisch. Ein Jahr gehen die Mediengestalter in die Berufsschule, üben sich an Programmen wie „Photoshop“ und „Freehand“, gestalten Prospekte, Webseiten, baggern sich durch gestalterische, technische und kaufmännische Themen. Im zweiten Lehrjahr starten sie in einem Betrieb und können ihr Wissen gleich umsetzten. Unterstützung für das Projekt des Berufskollegs Ost kommt von der Essener Wirtschaft, der IHK, der Bezirksregierung Düsseldorf.

Hier stimmt die Kritik über schlechte Ausstattung und alte Lehrer nicht. Trotzdem kann Abteilungsleiter Edmund Stoffels sie nur unterschreiben. Der Lehrer und seine Kollegen stecken in einem Teufelskreis. Eigentlich müssten Sie sich ständig fortbilden, um mit den Laufwerken Schritt zu halten, aber dafür fällt Unterricht aus, was ebenfalls einen Eintrag ins Klassenbuch verdient. Bis dieses Dilemma gelöst ist, bleibt bei Lehrern und Azubis eigenes Engagement gefragt.

Das denken auch Pedro Gonzalez und Martin Jaszkowiak. Die beiden sind in der „normalen“ Berufsschulklasse und arbeiten in der Multimedia-Agentur „viaone“. Ihr Glück: Hier ist von Anfang an Mitarbeit gefragt. Andere Klassenkameraden sind zum Zugucken verdammt. Zur Begrüßung schieben sie Visitenkarten über den Tisch. „Design“ steht unter ihren Namen. Mit den Karten ist eigentlich alles gesagt. Sie sind keine bierschleppenden Stifte, sondern kreative Geister, deren Arbeit gebraucht und anerkannt wird. Aber sie wollen „später was vorweisen können“, deshalb tun sie sich die Berufsschulmühle an, deshalb geben sie ihr Know-how für ein Azubi-Gehalt ab.

Martin Jaszkowiak spielt seit seinem 6. Lebensjahr Klavier. Er studierte Elektrotechnik und Betriebswirtschaft, machte Werbejingles für RTL2 und SAT.1. Bis der 29-jährige endgültig seine Leidenschaft zum Beruf machte, technisches Können und musikalische Kreativität verknüpfte.

Seine Phantasie ist in der Agentur gefragt. Für den Trailer zu einem 3-D-Basketballspiel stiefelte Jaszkowiak mit dem Mikro los und nahm Dribbelgeräusche in Essener Hinterhöfen auf. Der Azubi hat in der Firma keinen Lehrmeister, er ist der einzige seiner Art und beherrscht den Job. „Musik läuft nicht einfach daher, Musik ist Emotion, sie macht Bilder spannender“, erklärt der Sounddesigner und lässt ein paar Beispiele aus Boxen und Bildschirm fließen. Für Werbekunden ist seine Kreativität wichtig, weil Internetseiten mit Ton beim Konsumenten besser hängen bleiben.

Die Berufsschule frustet Jaszkowiak. „Ich bring mir das meiste selbst bei.“ Davon profitieren auch die Lehrer, die von der Klasse upgedatet werden. „Der einzige Ansporn weiter zu machen, ist die Agentur“, so Jaszkowiak, „in der Schule fühle ich mich 50 Jahre zurückgebeamt.“ Das liegt auch an dem Spagat, alte Berufsformen wie Schriftsetzer, Reprograph oder Druckvorlagenhersteller im Mediengestalter des Digitalzeitalters zusammenzufriemeln.

Pedro Gonzalez ist durch Praktika in der Lehre gelandet. „In der Schule werde ich, was das Künstlerische betrifft, eher gebremst“, sagt der 24-Jährige.

Also setzt er sich nach Feierabend hin und kümmert sich selbst darum, immer neue Versionen der Programme auszuprobieren, deren Grenzen zu testen.

Gerne auch mal mit einer Karikatur von sich selbst. Der Unterrichtsstoff habe mit der Realität nichts zu tun: „Da lernen wir, die Aufnahmekapazität einer Festplatte zu berechnen“, erzählt Gonzalez. „Aber das brauch ich nicht, wenn die Festplatte voll ist, brenn ich`s mir auf CD und fertig.“

Viaone-Creative-Direktor Martin Tazl schimpft über die wirklichkeitsferne Ausbildung.

„Generalisten sind heutzutage nicht erforderlich, wir brauchen Spezialisten, die eigenverantwortlich arbeiten.“ Um die Mitarbeiter fit zu machen, gibt`s firmeninterne Schulungen, wie kürzlich für ein neues 3-D Programm. Dieter Rosen, technischer Lehrer am Berufskolleg, sieht das anders. „Das ist kurzsichtig, in der Ausbildung schon eine Spezialisierung zu erwarten. Medien übergreifendes Wissen ist erforderlich, und das funktioniert nur, wenn man eine breite Basis geschaffen hat und nicht nur seine Nischen kultiviert.“

„Wen möchte ich wo wie womit erreichen?“ Diese Frage könnte in der Berufsschule aushängen, klebt aber bei Pedro Gonzalez und Martin Jaszkowiak an der Wand. Über alle Monitore hinweg ist Teamwork angesagt. Wer gestaltet, muss auch Kunden Beraten können und umgekehrt. Ob Broschüre und digitaler Katalog, lieber Internet oder doch eher CD-ROM, Farben, Formen, Filme. Für den Internetauftritt der Sparkasse Sprockhövel hat Gonzalez zwei Dummies angefertigt - Probeseiten, wie es im Netz aussehen könnte. Neben seinem Schirm steht „Die Photoshop Bibel“ eine Schwarte, deren Name Zukunftsprogramm ist. „Wir sind schon auf den Zug aufgesprungen“, sagt Gonzalez, „jetzt müssen wir nur noch ein paar Waggons weiter.“

WAZ-Serie/Wirtschaft Nummer 111 Samstag, 13. Mai 2000


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