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(2001) Format + Druck


Tazl – Der Mensch als Marke

Er ist Webdesigner, Comic-Zeichner, Sänger und Verleger in Personalunion. Tazl ist also ein Multitalent, eines, das sich selbst zur Marke gemacht hat, eine reife Leistung für einen noch nicht Dreißigjährigen.

Seine Geschichte liest sich gleichsam wie die idealtypische Wandlung seiner Heimat, dem Ruhrgebiet, vom dampfenden „Pott“ zum High-Tech-Standort. Geboren wurde Tazl am 25.8.1973 dort wo der Pott am dichtesten ist, in Schimanski-City, Duisburg-Rheinhausen, als Sohn eines Krupp-Schlossermeisters und einer Sozialtherapeutin. Bereits als Kind begann er zu zeichnen und zu malen und entwickelte – selbstredend – seine eigene Schülerzeitung.

Mit 16 dann die ersten Freelancer-Erfahrungen mit lokalen Werbeaufträgen. Dabei blieb allerdings das Abi auf der Strecke, denn Tazl war zu sehr auf den Abi-Ball konzentriert. Er ließ das Lernen und die Prüfungen sausen und probte lieber im Probekeller eine Cover-Version des Duetts „We‘ve Got Tonight“ von Kenny Rogers. Dieser Abi-Ball des Jahres 1994, der Applaus und die Anerkennung dieses Abends beflügelten Tazl, die Welt, oder vielmehr die Medien, zu erobern. Taktisch geschickt absolvierte er dazu eine Ausbildung als Druckvorlagenhersteller, die ihn einerseits das „Handwerk“ lehrte und ihm andererseits ermöglichte, voll in die Werbe- und Multimediawelt einzutauchen. Noch in der Ausbildung beteiligte er sich als Designer für Websites, CD-ROMs und Print-Produkte sowie an dem Aufbau einer Start-up-Multimedia-Agentur.

Er wurde Art Director, 1999 dann Creative Director und Leiter der Kreativabteilung. Ende 2000 verließ Tazl die Agentur und ging zur Internet-Kommunikationsagentur KRANKIKOM. Inzwischen hat er sich als Freelancer auf die Kommunikation im Internet spezialisiert. Mit dem Webdesign für bekannte Marken wie Brax, Windsor, Steilmann oder Peugeot hat sich Tazl einen Namen gemacht. Seine Mischung aus Pop-Art, Minimalismus und David-Carson-Anarchie hat viele Freunde gefunden – nicht nur im eigenen Lande, sondern auch international.

Doch Tazl hat nicht vergessen, dass er aus dem Printbereich kommt. Und da Tazl Orange liebt, ist ORANGEFLOW dabei herausgekommen: sein Magazin für kreativen Lifestyle. Das PDF-Magazin wird inzwischen über 8.000 Mal pro Ausgabe aus aller Welt downgeloadet (www.orangeflow.com). Daneben hat er mehrere tausend Desktop-Motive unter www.macdesktops.com und unter seiner eigenen Page www.tazl-desktops.com den Surfern kostenlos zum Download zur Verfügung gestellt. Typisch für ihn, denn er denkt vernetzt. Er sieht sich als Mitglied eines kreativen Netzwerkes von Designern, Textern und Musikern, die projektbezogen zusammenarbeiten.

Drei Charaktereigenschaften sind markant für Tazl: Er ist fleißig, er ist unkonventionell und er ist schnell. Beispielhaft dafür sei hier die Geschichte erzählt, die ihm den Internet-R@@b der Woche einbrachte. Der Anfang dieser Geschichte lag, wie häufiger mal im Leben, irgendwo im Raum zwischen Ärger und Widerstand. Tazl fühlte sich durch die dubiose und allgegenwärtige Plakatwerbung, die „Kraft zum Leben“ versprach, ganz und gar nicht angesprochen, und nachdem er sich zwei-, dreimal über die Aufdringlichkeit der Kampagne geärgert hatte, platzte ihm eines Nachts der Kragen. Mit Hilfe seines Texter-Kollegen Olaf Feierfeil hob er die Online-Gegenaktion dazu aus der Taufe: „www.KraftzumScheissen.de“. Die Trendscouts von Pro7 stießen binnen Tagen auf die Seite, nominierten sie, und die Zuschauer fanden Gefallen daran – schnell und unkonventionell. Inzwischen gibt es auch das Buch dazu.

Kurzum, Tazl ist ein Tausendsassa, aber was er anpackt gelingt und macht was her. Für so viel Multitalent gibt es den „Kreativen Kopf“ des Monats Mai.

Kerstin Ahlbrand


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